Kapitel VI
Vom Alten Platz sind es nur ein paar Schritte zum Theaterplatz, zum Palais Fugger und zur Ursulinengasse mit ihren Eliteschulen, alle unter katholischer Leitung. Klagenfurt ist klein und wird wahrscheinlich auch klein bleiben. Diese Einsicht hat mit Resignation wenig zu tun. Das Kleine und sein Bruder, der Mangel, werden von allen hier angenommen und als Befindlichkeit in aller Bescheidenheit gelebt. Überschaubares wird nicht Kleinlichkeit. Vielmehr ist dieser bewusst gewählte Zustand des Eingeschränkten, des Abgegrenzten, in eine überschaubare Größe Zurückgeführten, diese intuitive Ausgrenzung jeglicher Erweiterung ein Bekenntnis zum Stand der Dinge, der keinerlei Veränderung in Erwägung zieht. Verharren im Bestehenden ist allemal besser, als sich den Gefahren des Unbekannten jenseits des Gartenzauns auszusetzen.
Das urbane Gehaben bleibt Täuschung. Klagenfurt und seine Menschen lieben die Einbindung des ländlichen Ursprungs in ihre Traditionen. Vor dieser Herzensangelegenheit werden die Kulissen einer städtischen Kultur aufgebaut und hergezeigt. Von allen Seiten dringen aber Grün und See und Lendkanal und Glan bis zum unterirdischen Feuerbach in die Stadt ein. An all den still gelebten Bekenntnissen zum Heimatboden haftet viel Vorsicht, Verletzbarkeit und Unsicherheit, was bis zur Selbsttäuschung führt. Die Klagenfurter täuschen sich gerne selbst, und all jene, die in die Stadt kommen, benutzen sie als Bestätigung ihrer vermuteten Identitäten und Vertrautheiten. Eine Stadt kann auch empfindlich und nachtragend sein. Werden die Erwartungen der Bewohner nicht erfüllt, ziehen sie sich in sich zurück, beschmunzeln das Fremde und warten auf eine neue Gelegenheit der Fremdbestätigung, die sie dann bescheiden über sich ergehen lassen. Dabei bleiben die Klagenfurter stets leise. Aggression oder Überschwang der Emotionen sind nicht ihre Sache.
Von allen Seiten drängen Einfamilienhäuser, dann Staudenwerk, Wasseradern, Tümpel, Teiche, Moore, etwas Brachland, später Hügelgelände und endlich geliebte Bergwelt auf die Stadt zu. Eine Landflucht der Natur bis in den urbanen Mittelpunkt.
Vorsicht und Distanz bestimmen das Verhalten dieser Klagenfurter Menschen und ihre Einstellung zu Politik, Gesellschaft und Kultur. Sie sind selten auffällig, nie laut, und wenn es um kommunale Angelegenheiten geht, die alle betreffen, findet jeder Einzelne zumeist seinen eigenen Weg und braucht die anderen nicht. Er ist nicht wirklich gegen Korruption, bringt viel eher Verständnis für die Korrumpierenden und die Korrumpierten dadurch auf, dass er tief in sich fühlt, in einer ähnlichen Situation wahrscheinlich selbst so gehandelt zu haben wie die Korrumpierer und die Korrumpierten, hätte man ihn einbezogen. Neid wird allenfalls im Flüsterton in den immer kleinen und halb dunklen Cafés weitergetragen, wenn die Tatverdächtigen, für die die Unschuldsvermutung gilt, über Jahre hinweg ungeschoren davonkommen. Dann fragt sich gar mancher Klagenfurter klammheimlich, warum niemand ihn einer Korruption für würdig befunden hat. Protest wird höchstens angedacht und sogleich verworfen.
Einmal umdrehen, und man ist am nächsten Ring angelangt, die alle die Altstadt zusammenspannen und das wuchernde Grün jenseits der Vorstadtbezirke ins Gedächtnis rufen. Klagenfurt franst aus, als hole sich die Natur das bisschen Stadt wieder zurück, und die Stadt wehrt sich kaum.
Am westlichen Rand des Zentrums trennt das Künstlerhaus den Goethepark vom Schillerpark. In der ungeliebten braun getönten Vergangenheit hat der Kunstverein für Kärnten eine Vorreiterrolle der NS-Kulturpropaganda gespielt, die bei allen seinen runden und halb runden Jubiläen tunlichst nicht zur Sprache gebracht wird. Vor der Restaurierung des Kunstvereinsgebäudes war dieses „für“ in der Bezeichnung von einem Ideenspender mit einem schwarzen Balken durchgestrichen worden. Auch nicht besonders gelungen, denn für Kärnten war der Kunstverein immer. Durch das Streichen des „für“ sollte er es nun nicht mehr sein? Halbherziges und Halbangedachtes ergeben auch hier kein Ganzes.
Das Künstlerhaus unterbricht den grünen Bogen vom Schillerpark zum Goethepark. Es unterbricht und stört den gepflegten Grünschwung. Die Künstler drinnen stören niemanden. Auf der einen Seite reicht der Rasen bis zum Dorotheum, auf der anderen Seite krümmt er sich am Herbertstöckl vorbei, hinüber bis zur Nordseite des Stadttheaters. Dazwischen, mitten unter den alten Bäumen, hat der Verschönerungsverein, den es einmal in der Stadt gegeben hat, Köpfe von verdienten Bürgern und anderen Menschen aufgestellt, die den Klagenfurtern als würdigungswert erschienen.
Schubert ist dabei und Wilfan, der Gründer besagten Verschönerungsvereins. In neuerer Zeit hat man zwischen Stadthaus und Stadttheater Ingeborg Bachmanns Kopf auf einen Sockel gestellt. Klein, unscheinbar, unter der Sonne Kärntens zu einem Zwergenkopf geschrumpft, lässt er vermuten, dass entweder die sprichwörtliche Bescheidenheit der Auftraggeber oder Materialmangel eine monumentale Dimension verhinderte. Möglich aber auch, dass die Klagenfurter mit Ehrungen nicht eine Vergrößerung, eine Überhöhung des Auszuzeichnenden verbinden wollen, sondern im Gegenteil ein Zurückholen der Größeren auf ein erträgliches Format, so, wie sie selbst eben sind. Vielleicht stutzen sie die Helden auf ihre Augenhöhe zurück und drängen den Großen ihre kleine Bescheidenheit auf.
Ein ähnliches Schicksal ereilte Gustav Mahler, dessen Haupt an der Südseite des Stadttheaters, in dem kleinen Park vor der Musikschule, ein bescheidenes Dasein fristet und dessen weihnachtsnussgoldener Hinterkopf sich kaum über die Einfriedung des hebt. Eine gebührliche Größe hat nur der Kopf des Erzherzogs Johann an der Nordseite der Stadtpfarrkirche. Der aber ist eigentlich der steirischen Kulturlandschaft zuzuzählen, gehört der Grüne Mark. Ein herrschaftlicher Plutzer, der auffällt.
Adel ist aus der Mode gekommen. Barone gibt es keine mehr, seit die siegreiche Arbeiterbewegung in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ihrem Groll gegen die Habsburger und damit die einstigen Beherrscher freien und unkontrollierten Lauf lassen durfte. Aber Alois von Hemmersam wird von seinem kleinen ihm immer noch wohlgesinnten sozialen Umfeld Baron genannt, vielleicht schmunzelnd, vielleicht mit einem Augenzwinkern, um die Bewegung der Gleichgeschalteten an ihren empfindlichen Stellen ein wenig zu kitzeln. Viele sind es zwar nicht mehr, die von Hemmersam in Ehren halten – zu oft hat er sich durch eruptive Attacken gegen alle und jeden gewandt, alle und jeden vor Gericht gezerrt und zu Bußgeldern verurteilen lassen. Es ist ihm nur ein Häuflein Allzeitgetreuer geblieben.
Was für andere die Ohrfeige, ist für Hemmersam das Rechtsverfahren. Recht muss erstritten werden, unter die Haut gehen und brennen. Nur so strahlt es in der ihm zustehenden Bedeutung. Verlierer sind wichtig. An ihnen mästet Hemmersam sein Selbstbewusstsein. An ihnen und ihren einfältigen Gesichtern, die sie stets aufsetzen, werden sie rechtskräftig verurteilt, weidet sich der Herr Baron gerne und in schönster Regelmäßigkeit. Diese Schadenfreude, wieder und wieder Einfältige auf ihre ureigenste Bestimmung, die arrogante Ahnungslosigkeit mit Folgen, zurückgeführt zu haben, ist Labsal für den alten Herrn, und er genießt es, in diese Gesichter der Drangsalierten blicken zu dürfen, die eine Welt nicht mehr verstehen, in der ihre Nettigkeit und Subordinationsbereitschaft nicht entsprechend gewürdigt und ihnen zum Vorteil angerechnet werden. Der Baron weiß, dass aus diesem Biotop ein gefügiges Wählerpotenzial zu rekrutieren ist, aber auch ein Führungspotenzial, das sich nur durch Frechheit von den Geführten unterscheidet.
Gerhard und Paul erreichten das Tor zum Hemmersam’schen Besitz gegenüber dem Stadttheater. Die unruhigen Bewegungen der Stadt waren zu dieser späten Nachmittagszeit abgeklungen. Es gab und gibt keinen Rhythmus, der für Klagenfurt typisch wäre. Kurzlebige Hektik stößt auf anhaltenden Stillstand. Die Stadt hat kein eigenes Tempo, keine eigene innere Ruhe.
Jetzt war der Stadtkern verkehrs- und menschenberuhigt. Die Werktätigen waren zu ihren Einfamilienhäusern an die Peripherie geeilt, hatten im Supermarkt Versorgungseinkäufe getätigt und waren aus dem Stadtbild gewichen. Die Jugendlichen bereiteten sich auf den Abendausgang vor. Im Stau zwischen Ebbe und Flut des kleinurbanen Geplätschers entwickelt Klagenfurt den diskreten Charme der Erwartung.
Die wenigen Minuten vom Alten Platz zum Theaterplatz gingen Paul und sein Freund wortlos nebeneinander. Hemmersams Refugium am Ende der Ursulinengasse schmiegt sich einstöckig an die Schütt, und damit fast nahtlos an den Schillerpark. Eine Steinmauer und ein Fußweg führen an das biedermeierliche Gebäude heran und bringen die wenigen Stadtwanderer in den oberen Teil des Parks. Dort am Ende des Grundstücks, mit Blick auf das Schillerdenkmal, steht ein turmartiges Gebilde mit einem kleinen Balkon gen Westen. Nach 1945 bewohnte dort, so eine der unbelegten Erzählungen aus der inoffiziellen Stadtchronik, eine massive Frauensperson das einzige Zimmer, in dem ein riesenhaftes Doppelbett die Unterlage für ihren Broterwerb bildete. Pauls Vater hatte manchmal von ihr erzählt und auch, dass er als Schüler gerne dem munteren Treiben zugeschaut und sich mit den wartenden Männern unterhalten hatte, die sich, die Knie angezogen, an die Mauer gehockt, mit einer Zigarette die Wartezeit verkürzten, bis sie an der Reihe waren. Manchmal durfte auch der Vater mit der dicken Frau reden, wenn gerade kein Geschäft war, erwähnte er am Schluss seiner Erzählung zumeist und zwinkerte mit einem Auge. Nur reden.
Gleichzeitig hoben Paul und Gerhard die zu Fäusten geschlossenen Hände und pochten an das massive Tor. Nahezu unmittelbar darauf ertönte infernalisches Geheul der Hemmersam’schen Hunde. Scharren hinter dem Portal. Bewegte Wachsamkeit und hechelnde Neugierde drangen nach außen. Durch einen langsam breiter werdenden Spalt zwängten sich zwei feuchte schwarze Hundeschnauzen. Es folgten eine mittlere Rauchwolke, der Kopf einer Pfeife, sodann das graue Haupt des Barons:
„Ja!“ – Ein Ja, das nicht Ja meinte und scharf zwischen den beiden Gebisshälften und dem Pfeifenmundstück herausgeschossen kam.
„Ich nehme an: Herr Hemmersam?“, kam Gerhard seinem Freund zuvor und war sich sogleich seiner missglückten, weil unvollständigen Anrede bewusst.
Das „von“ hätte ohneweiters zwischen Herr und Hemmersam Platz gehabt. Gerhard Wand verstand es eben doch nicht, durch kleine Freundlichkeiten für sich einzunehmen und Sympathie zu wecken.
„Wen haben Sie erwartet? – Otto von Habsburg?“ Eine andere Antwort war nach dieser Eröffnung kaum zu erwarten gewesen.
„Herr von Hemmersam! Mein Name ist Paul Tinhoff. Vielen Dank für Ihr Schreiben und danke auch, dass wir uns nun endlich einmal persönlich kennenlernen. Es geht um das Blutbuch. Es geht um das Necronomicon, das Buch der Dämonen.“
Paul stammelte und bemühte sich unter Einsatz seines ganzen mühselig erworbenen Charmerepertoires den ersten Eindruck, der durch Gerhards Ungeschicklichkeit entstanden war, ins Freundlich-Unverbindliche hinüberzuretten. Die Höllenhunde stieben, ihr infernalisches Geheul fortsetzend, wie hemmungslos gewordene Schatten die Ursulinengasse hinauf.
Das Tor öffnete sich um weitere Zentimeter. Der Hausherr hielt es mit einer Hand in Augenhöhe fest. Paul und Gerhard zwängten sich nach erfolgter Aufforderung unter dem Arm des Hausherrn durch und in den dunklen Gang hinein, an dessen Ende ein gepflegter Rosengarten lag. Das Tor schloss sich geräuschvoll.
„Und die Hunde?“, fragte Paul, um das Gespräch in Gang zu bringen.
„Welche Hunde?“, stieß Hemmersam, begleitet von einer weiteren Tabakwolke, zwischen den Zähnen hervor.
„Die zwei Höllen…, Ihre schwarzen Hunde von vorhin.“
„Was schert mich Weib, was schert mich Hund! Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Wenn sie nicht wissen, wohin sie gehören, sollen sie bleiben, wo der Pfeffer wächst. Der Hunger wird diese Kreaturen an ihr Zuhause erinnern. Die einfachsten Triebe reichen aus, um den richtigen Weg zu finden. Sie kommen wegen dem Napf zurück und nicht wegen mir. Menschen leben nach den gleichen Kriterien. Sie unterscheiden sich von den Kötern nur geringfügig.“
Gerhard Wand musterte den Innenhof mit den gepflegten Beeten: „Eine kleine Idylle mitten im Zentrum. Es muss schön sein, hier leben zu dürfen. Eine Grünoase.“
„Ich habe nicht um Erlaubnis gefragt. Ich wurde von meiner Mutter hier eingepflanzt und bin hier aufgewachsen, ohne nennenswerten Schaden zu erleiden. Hier werde ich auch verdorren.– Bemühen Sie sich nicht.“
Die Gäste zollten dem Garten dennoch nachdrücklichen Respekt und lobten die fachmännische Gestaltung im Stile biedermeierlicher Flaniergärten. Baron von Hemmersam nahm die Komplimente entgegen und konnte sich bei der Bezeichnung Flaniergarten eines Lächelns nicht erwehren. In den oberen Stock führte eine gusseiserne Außenstiege, die in einen lang gezogenen überdachten Balkon überging, von dem man in die Wohnräume gelangte.
In einer Nische stand ein altes Schiffsmodell. Bilder von überraschender Leuchtkraft nahmen von Paul, ohne dass es die anderen bemerkten, Besitz und fügten sich zu einem berauschenden Gemälde zusammen, in welchem er sich, der Stimmung nachtastend, ganz, ja ganzheitlich wiederfand: Da ist ein Schild, auf dem Privatbesitz steht. Darunter die Stampiglie mit dem Doppeladler. Paul zieht ein Ruderboot an Land. Alles ist in tiefblaues Licht getaucht. Die Schatten sind weiß. Der Ort streift seine Enge ab, weitet sich und umarmt Paul. Segel sind über den Platz gespannt. Sie blähen sich leicht im Wind. Eine Reling baut sich, von unsichtbarer Hand errichtet, rund um das Geschehen auf. Wie zwei Schneckenaugen starren ihn Deckschlote aus einiger Entfernung an. Dazwischen steht ein Gebäude, das aus dem späten neunzehnten Jahrhundert zu kommen scheint. Ein hagerer Mann sitzt am Fenster und winkt Paul zu sich. Paul betritt das Haus. Das Schiffsmodell gleitet aus seinem Blickfeld.
Im Halbdunkel des Wohnzimmers standen zwei Fauteuils und ein Sofa, auf dem eine Decke lag, in die sich büschelweise Hundehaare verfilzt hatten. In einer Ecke stank ein Futternapf. Den beiden kleinen, aber tiefen Fenstern gegenüber verdeckten fast zur Gänze mäßig gefüllte Bücherregale eine weiß gekalkte, feuchte Mauer. Ein mobiler Heizradiator duckte sich unter einen gedrechselten Beistelltisch.
„Für die Übergangszeit“, meinte Hemmersam, wies auf die Notheizung und lud mit einer kurzen, mehr oder weniger wegwerfenden Geste seine Gesellschaft ein, sich nun zu setzen.
„Nehmen Sie Platz, meine Herren. Wozu hat der Herrgott das Sitzen erfunden. Zur Entspannung, um für folgende, zu erwartende oder überraschende Anstrengungen gerüstet zu sein. Man sitzt, die Muskeln ruhen, der Geist besinnt sich auf das Wesentliche und entwickelt Spannkraft. Jeder findet seinen Mittelpunkt und bleibt dort für geraume Zeit. Man will gar nicht mehr so richtig aufstehen, nicht wahr. Das Verweilen verführt zum Verharren. Verharren führt zum Vergessen. Niemand will eine einmal erlebte Behaglichkeit wieder aufgeben. Sie ersetzt das rastlose Wandern zwischen den Welten der Vorstellungen, lässt uns in der Verdauungsphase verweilen, in der das Erlebte gärt. Dann rülpst man es heraus und sich gegenseitig an den Kopf. Ach, alles Verdauen führt zum Verklären, und dafür will dann jeder geachtet, gelobt und bewundert werden. Es stinkt … Setzen Sie sich nur für eine Weile.“
Hemmersam bellte seinen Gästen das heisere Lachen des notorischen Rauchers entgegen, und zwischen seinen Lippen bleckten wiederum die zwei Reihen tabakbrauner Zähne.
„Ich möchte Ihnen nicht mehr sagen, als ich in meinem Brief schon gesagt habe.“ Monoton wiederholte er einen Absatz aus seinem Schreiben: „Ich habe Schritte in die Wege geleitet, die es Ihnen ermöglichen, Einsicht in das Necronomicon zu gewinnen. Sie können sich das Buch am letzten Freitag im August in der Ferlacher Volksbank ansehen. Man wird Ihnen das Schließfach um vierzehn Uhr öffnen und das Buch vorlegen. Sie haben eine halbe Stunde Zeit, dann wird es Ihnen wieder entzogen.“ Hemmersam legte die erloschene Pfeife in eine Messingschale, zog den Tabaksaft in die Mundhöhle und schluckte ihn.
„Sie sagten möchten und nicht können. Herr von Hemmersam, ich bin überzeugt, dass Sie umfangreiche Kenntnisse über dieses Buch besitzen. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir doch einiges mehr davon erzählten. Der Umgang mit dem Blutbuch soll ja nicht ungefährlich sein, wie man hört. Vielleicht gibt es Hinweise zum eigenen Schutz, von denen ich bis jetzt noch nichts weiß.“
„Die Gefahrenhinweise lagen zuhauf an Ihrem Weg. Rechts und links. Sie haben sie alle missachtet, nehme ich an, oder einfach nicht gesehen. Manchmal scheint der Wunsch, etwas zu übersehen, einer genauen Beurteilung der Fakten hinderlich zu sein. Tiere folgen ihrem Instinkt. Die Menschen haben keinen mehr. Sie folgen anderen Menschen, die auch keine Instinkte mehr besitzen. Das nennt man Gefolgslust. So werden Bedrohungen zu lustvollen Ansätzen für ein Abenteuer, dem die wenigsten gewachsen sind, und sie suchen dort Erlösung, wo Verdammnis lauert. Verderben und Lust liegen eng nebeneinander. Manche vermischen die beiden Komponenten und feiern lustvoll ihr Verderben. Sie brechen aus der Gefolgslust aus und geraten in die individuelle Verderbnis. Die meisten Klagenfurter leben aber davon, sich ihren Ausbruch selbst zu verderben und nirgends teilzunehmen. Es bleibt die schale Gefolgschaft.“ Hemmersam lachte und hustete.
„Man hört so manches. Ich bin ja nicht abergläubisch. Aber in jeder Lüge liegt doch ein Körnchen Wahrheit. Halbwahrheiten sind zumindest nicht ganz falsch. Vielfach verbreitet sind sie außerdem. Ich begegne ihnen Tag für Tag. Ich unterschätze sie nicht. Ich bin Journalist. Manche meiner Kollegen leben davon. Irgendetwas bleibt immer hängen.“ Paul versuchte aus dem keimenden Monolog wieder ein Gespräch zu bilden.
„So, was hört man denn so? Gehörtes und Gesagtes. Ist es gesagt, ist es auch schon verstanden oder sogar wahr. Gehörtes, Gesagtes, Geschriebenes! Gehört und bestätigt vom Hörensagen her. Daraus lässt sich etwas machen. Aber das wissen Sie ja selbst. Sie sind ein gelebtes Beispiel dieser Gattung der Kulturjournalisten, Kulturspekulanten. Sie setzen auf Wahrheitsdefizite, Egalitäten, Möglichkeiten Ihrer Leser. Sie geben sich unverständlich und suhlen sich in der Ratlosigkeit Ihrer Gefolgschaft, aus der Sie Ihre eigenen kleinen Vorteile rekrutieren. Ihre bedeutungsschwangere Schreiberei lebt von einer distinguierten, manchmal recht passabel formulierten literarischen Überdrüssigkeit, mit der Sie aber alles in allem zu langweilen belieben. Ein wenig frech und ein wenig überdrüssig. Dann werden Sie allmählich weich und ranzig. – Ja, da staunen Sie. Aber ich lese von Zeit zu Zeit auch Ihre Artikel. Nicht selten mit Missfallen, kaum mit Gefallen. Wie alle Ihre Art-Genossen, Kunstvasallen verstecken Sie nur sehr schlecht Ihre tänzelnde Sucht der Rechthaberei. – In der Tat ist es nicht ungefährlich, der Umgang mit dem Blutbuch … eine abscheuliche Bezeichnung. Nennen wir es, wie es sich gehört: Necronomicon, ein Buch der unglücklichen Dämonen und Halbwelten, zwischen denen es einen ständigen Grenzverkehr gibt.“
„Also heraus damit, was hat es mit dem Ding auf sich?“, warf Gerhard Wand ins Gespräch. „Sie sehen doch, dass mein Freund Tinhoff darauf brennt, mehr zu erfahren. Wollen Sie ihm den Zugang verweigern? Wird Ihr Wissen besser, wenn es mit niemandem geteilt wird? Machen Sie sich durch Ihre vorgetäuschte Verweigerung nicht interessanter, als Sie so und so nicht sind. Mich können Sie damit nicht beeindrucken. Wenn Paul schon an der Kante steht und in diesen Abgrund schauen will, so helfen Sie ihm doch, den nächsten Schritt zu tun.“
„… seinen Abgrund. Er schaut nicht, er wird fallen …“ Hemmersam schnaubte. „Das Necronomicon, das Buch der Toten, ist mit Blut geschrieben, auf Menschenhaut. Und die Leberflecke bilden natürliche Satzzeichen. Gebundene Sprache, in Menschenhaut gebundene Erkenntnis.“ Die Augen des Alten funkelten. Er hatte eine neue Pfeife hervorgeholt, stopfte sie und entzündete den Tabak. Von der Straße her hörte man Hundegebell.
Paul saß, das Rückgrat kerzengerade, auf dem vorderen Drittel des Fauteuils und wartete gespannt darauf, was da noch folgen werde. Die verbalen Attacken seines Freundes und der harsche Ton, in dem sie vorgebracht wurden, hatten das bis dahin stolpernde Gespräch in Fluss gebracht.
Dennoch fühlte sich Gerhard Wand mehr und mehr fehl am Platze und nicht wohl in seiner Haut. Als wäre das T-Shirt zu klein, die Jeans zu eng und als stockte die Sommerhitze in seinen Socken. Er hatte seinem Unbehagen Luft gemacht, stand nun auf, ging zur Tür und auf den Balkon hinaus. Der Rosengarten lag schon im Dunkel. Es interessierte ihn nicht sonderlich, welche mehr oder weniger glaubwürdigen Geschichten sich um das Seelenbuch seines Freundes rankten. Gespräche dieser Art schmerzten ihn. Er wollte nicht zur Gefolgschaft werden, die sich aufschwang, über die Grenzen, aus dem Gefälligen hinaus ein fremdes Terrain zu betreten.
Gerhard Wand spürte, dass er nicht Schritt halten wollte. Er sah sich einem Ausstiegsszenario nahe. Das Wohnzimmer des alten Mannes erschien ihm für die Nachdenklichkeit dreier Personen zu klein „Wenn Sie mich entschuldigen wollen … die Enge hier, ich brauche etwas Luft.“ Mit lautem Knall fiel die Tür hinter dem Fotografen zu.
„Und lassen Sie die Hunde herein. Um diese Zeit treibt sie der Hunger nachhause. Sie sind wie Kinder. Unterwürfig bis zur Selbstaufgabe, wenn sie hungrig sind. Wenn sie satt sind – unausstehlich! Das Satte macht präpotent. Es führt zu wohligem Entweichen ihrer Blutreserven aus der Kopfregion. Es dämmert vor sich hin. Es suhlt sich in der Wohlgefälligkeit ein. Alles ist gut innerhalb der engen Grenzen, hinter die sie der Hunger zurückgeführt hat.“
„Ich hatte nie Hunger. Ich war nie satt.“ Paul fiel es leicht, Bezüge zu konstruieren, betrachtete die Stelle an seinem Pullover, unter der sich sein Nabel befand. Er liebte die Nabelschau. Die Betrachtung seines Nabels, auch den anderer Menschen war schon lange zu einer wirkungsvollen Meditationsübung geworden. Er konzentrierte sich gerne auf den Mittelpunkt seines Universums und verglich. „Ich habe gegessen, gesehen, erlebt, erfunden. Ich ging ein und aus. Ich ließ ein und aus. Einlassen und Auslassen sind für mich nicht wirkliche Gegensätze. Ich habe mich nie infrage gestellt, weil ich stets die Bestätigung suchte und mir zu anderem keine Fragen einfielen. Ich bin daher immer an derselben Stelle angelangt, von der ich ausgegangen bin. Was meinen Sie …“
Baron Hemmersam runzelte die Stirn. „Was meine ich, was meine ich? Sie werden dich mit triefenden Augen dankbar anschauen. Die Hunde wie die Menschen, diese Genügsamen, die sich keine Fragen stellen, weil sie sich keine Fragen vorstellen können, die über ihren Bauchumfang hinausgehen, und sie werden keine Antworten suchen. Leute wie Sie bemühen sich, ein Interesse zu wecken, das nicht zu wecken ist. Die Menschen bescheiden sich. Lassen Sie sie dort. Genügsamkeit ist die einzig mögliche Lebensweise der Zukurzgekommenen. Ich meine auch die geistige Genügsamkeit. Ein dummer Mensch wird nicht erkennen, dass außerhalb seiner Dummheit etwas anderes, außerhalb seiner Grenzen eine Welt ist, auf die er sich gar nicht eingelassen kann, auch wenn man sie ihm vor die Nase hält. Sie sind alle Nasis. Ihre Welt reicht bis zur Nasenspitze.
Bescheidenheit und Dankbarkeit sind aber die todsicheren Narkotika an der Schwelle zur Welt, zur Außenwelt. Sie betäuben und töten Menschen wie mich, die über den Zaun zu steigen bereit waren. Und mit den Leichnamen treiben die Genügsamen Schindluder. Sie stellen sie an die Wand und zerfetzen sie mit ihren Lachsalven, ihren hinter vorgehaltener Hand herausgekotzten Infamien des Spotts und der Genugtuung. Das ist ihre Strafe für das Ausbrechen aus der seligen Gemeinschaft der Genügsamen.
Glauben Sie nicht, dass es bei anderen Kulturvölkern besser ist. Dort fühlen sie sich ja zuhause. Die Menschen haben ihre Genügsamkeit, und ihre Nationalhymnen finden sie in den Volksliedern, ihrem Volksgut, in den Volksgütern, an deren Volksgütlichkeiten sie sich laben. An ihrer Volksgutmütigkeit, ihrer geschichtsgeschwängerten Bodenhaftigkeit werden sie genesen, wenn sie sich geistig unpässlich fühlen. Dort verweilen sie, schmieren sich Blut und Boden aufs Haupt, ins Gesicht die braune Tradition, in die sie hineingeboren wurden und aus der sie hinaussterben werden. Unverändert. Unbeweglich verharren sie, bis endlich alle Untiefen ihrer Seele nass sind und diese Seele vor wohliger Sattheit trieft. Dann schauen sie dich mit rot unterlaufenen Augen an und sind dankbar. Dankbar, dass da nichts mehr ist, nicht mehr ist. Dann kannst du alles mit ihnen anstellen. Sie werden dir gehorsam auch noch vorauseilen, wenn du ihnen das Martyrium der letzten Tage ankündigst. Dann ist die Zeit für die Kärntnerlieder und das andächtige In-sich-Hineinhören gekommen. Ohne Rhythmus und taktlos lauschen sie dem Nachklingen. Es ist immer Advent, wenn die Kärntner singen. Erwartung, Erlösung, Verweilen im Gemeinsamen, in den traditionellen, aber blutleeren Wiederholungen.
Von dieser Untiefe lebt die Volkskunst. Sie huldigt der satten Beständigkeit. Die Volkskünstler, also die Dorfdekane der Tradition, spielen auf dem Hackbrett der Täuschung, der sie sich selber ausgeliefert haben, ihre wenigen Dreiklänge. Als gäbe es nichts auf der Welt als die Dreiklänge und ihre enharmonischen Umkehrungen. Sie lassen sich leicht auf die gespannten Brettsaiten klopfen oder von ihnen herunterzupfen. Und das Wunderliche dabei ist: Sie glauben selbst daran. Sie lügen sich das Idyll in ihren schwülen einsamen Nächten herunter. Das überzeugt. Das macht sie so unwiderstehlich. Die volksgütlichen Taschenspieler sind von der Kraft ihrer Betrügereien maßlos überzeugt. Das macht sie unwiderstehlich.“
Die zwei Schatten hechelten die Stufen herauf, eroberten das Zimmer, stießen mit ihren Ruten an die schmutzigen Teegläser, klopften mit ihnen an die Möbel, ließen ihre tropfenden Zungen über den Beistelltisch hängen und verschwanden wieder.
„Ich sehe Sie nicht. Wen wollen Sie beeindrucken mit Ihren Wutausbrüchen? Was bezwecken Sie mit alldem? Sie verletzen Menschen. Sie greifen nach ihren seelischen Weichteilen, um sich selbst ein wenig Lust zu verschaffen.“
„Guter Mann, wer benötigt schon dieses bisschen vorgetäuschte Seligkeit, überhaupt die Nähe von Menschen, die doch allesamt nicht einmal mehr durch ihre Langweiligkeit auffallen. Kleingeistiges Anpassen ist meine Sache nicht. Animalische Wärme ist meine Sache nicht. Man dampft sich gegenseitig an. Geister oder Körper, die sich aneinander reiben, wie unappetitlich. Wozu teilen, wenn man das Ganze haben kann, auch ohne die anderen. – Fragen Sie nicht. Spekulieren Sie nicht über Probleme, für die Sie nicht gebaut sind.“
„Wofür bin ich gebaut?“
„Für die unauffällige Mittelmäßigkeit, die Sie bedienen und die Sie mit ein wenig intellektuellem Schnickschnack bedecken. Der Sie das Feigenblatt des Kultivierten vorhalten. – Feigenblatt kommt übrigens von Feigheit, nicht von Feigen.“
Ein Windstoß blies die Vorhänge ins Zimmer, und mit ihnen den Geruch von Asphalt der regennassen Straße. Ein Schwarm Heuschrecken flog schnarrend in den Schillerpark. Gerhard Wand, der aus dem Gespräch ausgestiegen war, sich aber aus dem Bannkreis des Hemmersampalais noch nicht lösen wollte oder konnte, blickte ihnen, an die Hauswand gelehnt, ungläubig nach. Das Scheppern von Kuhglocken aus seinem Handy erstarb so schnell, wie es eingesetzt hatte. Wand fingerte nach ihm und heftete seinen Blick an einen Randstein: „Ja, ach, Inge. – Gerade habe ich an dich denken müssen. Seltsam … Ich denke an dich. Es lässt mir keine Ruhe, dass du …, immer wenn ich knapp vor der Befriedigung meiner geheimsten Wünsche stehe, fehlen mir die Worte. Ich bin dann ganz Haut und nehme alles um mich nur noch über meinen Tastsinn wahr. Der Wind verletzt mich, dein Atem schlägt eine Kerbe in mich. Ich habe Angst vor deinen Berührungen und sehne sie mir herbei.
Ein einzelnes Leben reicht nicht aus, all das zu begreifen, was du mir vor Augen führst. Ich sollte noch ein Paar Hände haben, um dich zu begreifen. Alles andere ist so etwas von nebensächlich. Ich komme mir klein neben dir vor, noch kleiner in dir. Ich möchte, am Kleinsten angelangt, in dir verschwinden. Schön bist du, wenn du dich nicht bewegst. Ein ruhender Berg der Schönheit. Die Gipfel besteigen, in die Schluchten fallen, in den Mulden ruhen. Das will ich! Mehr braucht man nicht im Leben. Vielleicht nebenbei ein paar Nasenlöcher fotografieren. Ich Nasenlöcher, du Achselhöhlen – und eine gemeinsame Ausstellung planen.
Wenn ich nachts aufwache, tobt das Herz in meinem Brustkorb. Ich denke, ich liege in deinem Schoß. Dann schlafe ich wieder ein und träume, wie ich zwischen deinen Beinen zusammengerollt liege – schön.“ „Hm!“, kam es von der anderen Seite. Das genügte Gerhard Wand. Er machte sich auf den Weg zu seiner Inge, ging die Ursulinengasse hinunter, bestieg den Bus in den Vorort, wo sich die Klagenfurter eng aneinanderdrücken, fand das Einfamilienhaus, versperrte die Tür hinter sich und Inge und wünschte, dass es so bleiben möge.
Paul schloss das Fenster. Die Vorhänge fielen zurück. Dann setzte er sich wieder. Solange Gerhard telefonierte, brauchte er sich um ihn keine Gedanken zu machen. Als er sich umdrehte, hatte er ihn bereits vergessen. Paul bemerkte einen Rahmen, der gegen eines der Regale gelehnt am Boden stand. Auf einem grob gewebten Leinentuch war feinsäuberlich in blauem Kreuzstich festgehalten: Freund es ist genug. Im Fall du mehr willst lesen, so geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen. Angelus Silesius
Hemmersam bemerkte Tinhoffs erstaunten Blick und schmunzelte.
„Ach, die Tante Herma. Eine sehr eigenwillige Person. Mit einfachen Sprüchen wie ,Eigner Herd ist Goldes wert‘ konnte sie sich nie anfreunden. Nein, es musste schon Plato oder Siliesius sein.“ Und nach einer kleinen Pause: „Sie kennen doch Silesius. Er begegnet einem immer wieder. An den unmöglichsten Orten habe ich ihn schon gefunden. Er hat etwas. Ich finde, er hat etwas. – Meine Tante Herma ist übrigens an den unmittelbaren Folgen ihrer Stickerei gestorben. Ja, Sie haben richtig gehört. An ihrer Kreuzstickerei. Sie nahm sich mit dreiundneunzig einen Spruch von Wittgenstein vor: ,Was ist dein Ziel in der Philosophie? – Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.‘ Stellen Sie sich vor! Bis zu ihrem dreiundneunzigsten Lebensjahr hatte sie ihr eigenes Fliegenglas nicht gesehen, geschweige denn die Enge gespürt, schon gar nicht an die Möglichkeit gedacht, aus diesem Fliegenglas herauszukommen. Sie hatte es einfach nicht gesehen. Und dann kommt Wittgenstein daher, auf einmal deformiert der Satz eines glücklosen Volksschullehrers ein langes Leben.– Es schien, als habe er ihr einen Ausweg gezeigt, einen, den sie zeit ihres Lebens nie gesucht hatte. Ich habe sie tot in diesem Sessel, in dem Sie jetzt sitzen, vorgefunden. Eine Sticknadel steckte in ihrer Schläfe. Ihre Finger waren wund und blutig, so sehr hatte sie das Hineindrücken der Nadel angestrengt. Wie das überhaupt möglich ist, in den eigenen Kopf eine Nadel hineinzutreiben, seltsam. Vielleicht sind die alten Schädel weicher als die jungen. Vielleicht ist das Schläfenbein dünner. Was weiß ich. Ich bin kein Arzt, ich bin Jurist. – Sie war wirklich etwas sonderlich. Auf ihrem Gesicht ein Ausdruck grenzenloser Glückseligkeit. Die Glückseligkeit der Angekommenen. In ihrem schönen faltigen Gesicht und erst in ihren Augen lag diese Seligkeit. Strahlende Augen, strahlend gebrochene Augen, im Strahlen gebrochene Augen. So viel Glück in einem, wenn auch erstarrten Augenblick habe ich zuvor und danach nie wieder gesehen. – Eigenartig. – Sie hatte einfach keine Immunstoffe gegen Philosophie. – Ich hatte sie, wie es die Tibeter ja auch tun, dort sitzen lassen, zwei Tage lang, bis die Seele sich mit der Unbeweglichkeit des Körpers abgefunden hat und ihm von selbst entsteigt. Meine Tante, wie gesagt, war etwas schwer von Begriff und stieg nicht, sondern roch nur allmählich. Ihr Geist würde heute noch dort sitzen und nicht begriffen haben, dass ihr Körper nicht mehr zur Verfügung steht.“
Hemmersam entzündete die nächste Pfeife. Seine Lippen blobbten einen Stoß beißenden Rauchs aus dem Mund.
„Verzeihen Sie, aber ich finde das nicht lustig“, sagte Paul in die sich breitmachende Stille. „Mit dem Tod treibt man keine Scherze.“
„Ach, er lebt mit mir, ihr Tod. Wenn ich mit ihm Scherze mache, ist das nur recht und billig. Er treibt seine Scherze auch mit mir. Zurzeit verkehren wir recht einvernehmlich miteinander.“
„Sie lassen sich viel zu viel auf ihn ein. Sie geben diesem Schwellenwert einen zu großen Stellenwert“, sagte Paul.
„Nimmt er sich selber. Tut er das nicht in jedem Leben? Lassen wir diese pseudophilosophischen Vordergründigkeiten. Ich lehne es ab, Eindruck zu schinden, und bin prinzipiell ein Feind von Pointen, diesen kleinen Triumphen über andere Kleingeister, von denen Menschen wie Sie leben. Ich werde nicht wie alle diese Kopffüßler augenzwinkernd über Ihre Blödheiten lächeln. Die Weisheiten der Journaille! Journaille, klingt so ähnlich wie Kanaille. Hat schon Karl Kraus festgestellt. Letztlich auch nur ein Schimmelpilz der Gesellschaft, dessen Myzel sich heute nur noch in den trockenen Hirnen der links hatschenden Altintellektuellen hält.
Sehen Sie sich doch einmal um. Was tun die Menschen nicht alles, um aufzufallen. Oder um eines guten Eindrucks willen. Damit sie dastehen, nicht wie sie sind, sondern wie sie sich selber gerne sehen, um gelobt zu werden.“
Die Pfeife des alten Mannes begann fast schon zu glühen. Sein Gesicht war umwölkt. Aus den Rauchschwaden ragte der spröde graue Haarschopf. Schon waren die buschigen Augenbrauen wieder im ziehenden Rauch verschwunden, wie die scharf gebogene Nase mit den langen Haarbüscheln. Leichtes Hüsteln unterstrich das Gesagte und hob es aus den Niederungen des Alltäglichen in die Nähe ungewollter Grandezza trauriger Clowns.
Der Alte knipste eine Stehlampe an, holte aus einem Schrank, der sich beim Öffnen sofort selbst erleuchtete, eine Flasche Wacholder. Paul lehnte dankend ab, doch Hemmersam schenkte zwei Gläser halb voll ein. Auch eine kleine Schale mit aufgespießten Oliven kam zum Vorschein. Paul nahm einen Spieß und schwenkte die Olive im Glas. Die beiden Männer stießen an und tranken.
„Dieser Spieß ist übrigens die Sticknadel von meiner Tante Herma.“ Hemmersam deutete auf Pauls Glas. Ein Rettungswagen bog, von der Radetzkystraße kommend, vor dem Haus um die Ecke und zeichnete einen Moment lang blaue Lichtstreifen an die Decke. „Nein, Scherz beiseite. Lassen Sie sich nicht pflanzen. Obwohl, eine gewisse Ähnlichkeit, nein, nein … doch nicht. Nein, im Ernst. Die Sticknadel ist natürlich noch im Kopf meiner Tante. Wahrscheinlich das Einzige, was an ihr noch in einem halbwegs guten Zustand ist.“
Paul stellte sein Glas vor sich auf den Tisch, Hemmersam schleuderte weiter seinen Zorn in den Raum:
„Geführte und Führer. Genasführte und Nasführer. Jene, die Nasenstüber einstecken müssen, bedanken sich bei jenen, die Nasenstüber austeilen. Ja, die Kärntner sind allesamt Nasis. Aktive und passive. Wechselseitig. So lässt sich die Bevölkerung hier in Klagenfurt einteilen. Wobei sich die naseweisen Führer in ihrer Grundbeschaffenheit nicht von den Genasführten unterscheiden. Sie alle sind austauschbar, vergleichbar, ersetzbar, was weiß ich noch alles. Die einen sind halt ein wenig aktiver, die anderen beharrlicher. Sie kommen aber nicht ohneeinander aus. Die Genasführten verstehen ja nur, was innerhalb ihrer Brettergrenzen wuchert. Und die Nasführer säen dort ihr Unkraut.
So haben also wir Kleinhorizontigen, die wir zur Not und in unserer Not noch begreifen, die Unkrautsäer zu unseren Gärtnern gemacht. – Wenn ich wir sage, meine ich natürlich Menschen wie Sie. Ich selbst habe mit dieser Kreatürlichkeit gerade noch eine gewisse äußere Ähnlichkeit gemein. Gemein, das Wort ist gut und passt in diesem Zusammenhang. Gemein: wie alle betreffend, aber auch gewöhnlich. Gemein halt.
Diese wuchernde Gemeinheit ist mir zu einer schmerzenden Unerträglichkeit geworden. Eine, die sich auch noch, und das ist der Frechheit höchste Anmaßung, selbst und nur sich selbst genügt. Die Gemeinen leben in ihrer zugedeckelten Gärung. Die Faulgase leuchten in der Dämmerung unserer Zeit. Diese Untoten, die ja von allen guten Geistern verlassen worden sind, beleidigen die Natur, alles Natürliche, und sind ausschließlich ihrem gepflegten Modern verpflichtet. – Natürlichkeit, mit der Natur in Beziehung treten, ist in ihrer vermaledeiten Egozentrik nicht mehr möglich. – Die Volksliedsänger mit ihren elektronisch verstärkten Instrumenten plärren ihre Schulmädchenromantik in die Mikrofone. Weiber singen wie Mickymäuse und Männer wie Chorknaben. Hauptsache blond. Da ist nichts echt. Ich sehe schwarz für diese Wasserstoffwelt. Das Wort ,authentisch‘ wird ihnen immer ein Fremdwort bleiben. Sie zerstören die letzten noch möglichen Zugänge zu einer Welt, aus der sie selbst längst herausgefallen sind.
So sind sie also unfähig zu erkennen, wie sich selbst die Natur mit ihren verdorbenen Mitteln gegen sie richtet. Selbst die Natur hat sich aufgegeben und richtet sich gegen die Nasis, die Nasführer und Genasführten, die sie als Krone der Erschöpfung unter sich hat lassen lassen.Mit anderen Worten: Die Natur menschelt in diesem Stadium der Fäulnis. Sie meint es nicht mehr gut mit den Menschen.
Die noch nicht ganz Verblödeten halten sich gegenseitig die Augen zu und blasen sich den tödlichen Odem der Beschwichtigung ins Ohr. Nur durchhalten und totstellen. Und die Natur? Ich höre bloß ihr höhnisches Lachen. Sie hat sich längst mit den Dummen arrangiert. Mit jenen idiotischen Welpen, die sie selbst in die Welt geworfen hat. In ihnen beweint sie sich nur manchmal noch. Still und unheimlich, in unbeobachteten Augenblicken. Das ist die Kulturarbeit der Natur. Sie ist ein Teil der Spirale, die nicht nach oben führt.
Die Bärin zum Beispiel. Die Bärin lässt sich von mehreren Bären begatten. – Ich weiß, wovon ich spreche. Ich bin selbst Jäger. – Die Bärin tut dies nicht aus Lust, sondern um ihre zukünftige Brut zu schützen. Die Männchen verhalten sich in der Tat ihren Jungen gegenüber äußerst aggressiv. Nicht den eigenen Jungen gegenüber. Da sie nun nicht wissen, ob das herumlaufende Bärenjunge am End nicht doch möglicherweise ihr eigenes Junges ist, lassen sie es leben. Der infame Betrug erhält die infam gewordene Gattung. Über Generationen greifen die Bären zu betrügerischen Tricks, und ich bin restlos davon überzeugt, dass ihre zeitweilige Nähe zu den Menschen diese impertinente Betrügerei in ihr Leben gebracht hat.
Das gegenseitige Berühren von Echtem und Unechtem hat das Echte verdorren lassen und das Unechte zur Regel gemacht. So ist diese unerträgliche Mittelmäßigkeit entstanden, unter der ein Außerirdischer wie ich im öffentlichen Leben und in der öffentlichen Natur zu leiden hat. Ein paar Ohrfeigen austeilen, das beruhigt für kurze Zeit, oder ein Prozess.
Die Unschuld hat sich aufgegeben, bevor sie sich verabschieden konnte. Und die Schuld wird durch den verfaulten Keim einer wackeligen Unschuldsvermutung, die manchmal noch in ihr steckt, kraftlos und leblos. Auch sie ist am Ende. Und die Menschen werden böse, wenn es ihnen zu schwierig wird. Es gilt als eine beleidigende Anmaßung, wenn etwas gesagt wird, das von den vielen nicht verstanden wird. Sie hören nicht mehr zu. In anderen Kulturen ist das Zuhören ein Privileg, bei uns eine Zumutung. Darum gibt es so viele Monologe.
Des Menschen Wille ist sein Teufelsreich. Der freie Wille. Wer verfügt über ihn? Natürlich könnten Sie sagen, es gibt ja da noch den freien Willen, in dem die Hoffnung lebt und der Veränderung zumindest in Aussicht stellen kann. Wie frei, frage ich Sie, ist der freie Wille? Für die Hirnforschung ist die Freiheit eine Illusion, bestenfalls ein kulturelles Phänomen, eine sinnlose Spielerei der Natur.
In unseren Gehirnen befinden sich bekannterweise Neuronen. Verzeihen Sie, ich meine natürlich für mich bekannterweise. Wir sind diesen Neuronen ausgeliefert. Sie steuern uns. Die Entscheidung für oder gegen eine Handlung erfolgt erst Bruchteile von Sekunden nach dem Einsetzen der neuralen Prozesse. Verstehen Sie? – Nachdem die Neuronen angeschafft haben, entscheiden wir erst. Unsere Entscheidungen sind die Folge neuraler Vorentscheidungen. Wir können gar nicht anders. Das nur zur Freiheit und zum menschlichen Willen. Wer möchte da noch der Natur oder der Zivilisation in Klagenfurt, geschweige denn in Kärnten einen Vorwurf machen.
Der Homo oeconomicus betrat die Bühne und hat vom Zeitgeist Besitz genommen. Ein Wall-Street-Antichrist, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat, ist unter uns getreten und tritt mittels seiner hanebüchenen Thesen in die Hintern der Nasis. Er wird sie nicht mehr loslassen. Sie haben nicht bemerkt, wie er sie betäubt hat mit dem DDT der rationalen Denkungsart. Auch die kommenden Generationen werden das Gift nicht spüren, das sich in ihren Knochen abgelagert hat. Und sie werden ihren Rattenfängern blind, taub und stumm folgen, den Glanz der schwarzen Zahlen in ihren toten Augen. Glauben Sie mir, diese Wanderprediger der Börsen sind längst zu unseren Weggefährten geworden. So viel zur Zukunft.“
„Woher wissen Sie …?
„Ich weiß nicht, ich glaube daran!“
Vor der Tür schabten die Krallen der Höllenhunde über die Planken der Veranda.
„Reden wir nicht mehr von der Zukunft, nicht von den Jungen, nicht von der Brut. Sie ist längst kein Hoffnungsträger mehr angesichts der Verfehlungen der Alten. Sie übertrifft diese höchstens in ihrer ganzen holprigen Stupidität und selbstbewussten Intelligenzverweigerung.“
Die Schwaden aus Hemmersams Pfeife waren zur niedrigen Decke emporgestiegen und senkten sich wieder. Knapp über den Köpfen der Männer standen sie nun wie hartnäckiger Nebel, umwölkten Deckenlampe und Bücherregal, bereit, sich bei der kleinsten thermischen Schwankung um die Köpfe und in die Köpfe hineinzulegen, um nimmer daraus zu entweichen.
„Reden wir schon gar nicht über die Jugend. Sie wird an ihrer Kälte zugrunde gehen und jämmerlich krepieren. Abgestumpft, abgehoben, abweisend, apathisch sieht er aus, dieser Hoffnungsträger der Menschheit, und ist es auch. Diese Jugend nimmt nicht teil. Sie immunisiert sich gegen Betroffenheit, verstellt den Blick auf ihre Beweggründe, so sie überhaupt welche hat, und blendet mit Blasiertheit. In Wahrheit stellt sie sich tot und ist es letztlich auch schon, noch bevor sie richtig zu leben begonnen hat. Die Jungen werden an nichts mehr teilnehmen. Sie werden nicht einmal ihre Claims abstecken, über die sie nicht hinauszuschauen vermögen. Die Kälte hat ihr Innerstes erreicht. Sie sind leichencool.“
„Das war natürlich zu erwarten“, sagte Paul. „Jetzt müssen auch die Jungen herhalten. Das kann nur von einem kommen, der aufgehört hat zu leben und dieses Leben, so bescheuert es auch sein mag, nun mit zäher Kraft anderen vermiest. Sie werden bei allen Unzufriedenen Tür und Tor einrennen. Auch ein Thomas Bernhard hat die chronisch Unzufriedenen in ihrem Unglück befriedigt. Wie dankbar sind die Tauben, wenn man ihnen in ihrer Zeichensprache zu verstehen gibt, dass Hören längst aus der Mode gekommen ist. “
„Seien Sie still“, schnauzte Hemmersam. „Es sind Leute wie Sie, die mit ihren Spitzfindigkeiten und Sticheleien die Alten und die Jungen scharenweise aufs Glatteis führen, sie verunsichern mit ihrem aufgedunsenen Credo des gemeinsam genossenen Leids angesichts unmenschlicher Zustände. Dafür missbrauchen sie Dichter, Musiker und Maler, die sie mittels ihrer kleinen Neurosen neu inszenieren. In den meisten Fällen sind es aber jene Größen, die sich nicht mehr wehren können, weil sie schon tot sind. Tut mir leid.“
„Ihnen tut nichts leid. Sie faseln und floskeln. Fliegenfänger wie Sie geraten leicht außer Atem, wenn sie mit ihren Händen vor den blinden Augen der anderen herumfuchteln. Das nennen sie dann Beschwörung. Wenn der Verstand nichts mehr bringt, wird es dunkel, und es erscheint als Rettung der Mythos. Vielleicht ein Leben mit dem Mythos. Der Mythos verzichtet auf mühseliges Verstehen und fasziniert die Menschen. Mit seinen schwammigen Emotionen flunkert er heilsame Inhalte vor und macht alles nur noch schlimmer. Wir geben uns die Hände und erleben in uns die Kraft der Ahnen, Erdgeister und Kasamandln. Und Menschen wie Sie stilisieren sich zu Hohepriestern der düsteren Spekulation, damit man sie überhaupt noch beachtet. Sie sind zu all diesen Abstrusitäten mehr als nur fähig. “
Hemmersam starrte Paul an.
Paul merkte, wie er in den Händen zu schwitzen begann. Da war er doch selbst einmal schwach geworden, beinahe schwach, hatte beinahe eingeschlagen in den starken Griff des Landeshauptmanns, der unbedingte Gefolgstreue mit Wohlstand und Ansehen belohnte. Beate hatte Widerstand gar nicht erst aufgebaut und früh erkannt, dass geschmeidiges Einvernehmen allemal einer raschen und steilen Karriere zuträglich ist. Seltsam, dass ihm Beate Hagenberg in den Sinn kam. Erinnerungen kommen zumeist ungefragt. Damals war er selbst noch einmal davongekommen. Aber wie gern gibt man seine eigenen Gedanken auf, wenn ein kameradschaftlicher Schulterschluss in Aussicht gestellt wird.
Hemmersam setzte unbeirrt fort: „Gerhard Fritsch werden Sie nicht kennen. Gerhard Fritsch hat 1965 das Gedicht Österreich geschrieben. Dort heißt es: ,Dieses Land des langsamen Selbstmordes und der Hoffnung auf falsche Erlöser ist eines Tages gegen Abend wirklich tot gewesen, ausgelöscht auf den Karten getilgt.‘ Wenn es einen schleichenden Weg zum Selbstmord gibt, dann gehen wir Österreicher ihn. Und wir schaffen es auch zu übersehen, dass wir schon gestorben sind. In Kärnten haben wir den kollektiven Selbstmord bei aller Ahnungslosigkeit längst vollzogen. Wir sehen ihn aber nicht, wenn wir uns nur aneinander reiben können. In Kärnten leiden die Untoten so genussvoll und in allen Tonarten an dem, was sie als unumstößlich gegeben wittern. Sie geraten nur in Zorn, wenn man ihre Wahrheit nicht als die alleinige Wahrheit gelten lässt.“
Paul drehte sich zu den Fenstern, schaute hinter die Vorhänge. Sein Blick traf auf das schwarze Glas, tauchte hindurch und landete am Vorplatz des Kleinmayerpalais, hinter dessen Fassade sich das Kulturamt der Stadt verbirgt. Langsam sank er weiter, bis er am Aushilfsradiator für die Übergangszeit hängen blieb.
Der Alte nahm von nichts außer dem Plätschern seines eigenen Gedankenflusses Notiz:
„Mit dem Mythos haben schon ganz andere gespielt und allerlei Unfug angestellt“, Hemmersam schnaubte durch seine Pfeife. „Was ist das? Sitzt in einer Ecke und wird immer röter und röter. – Wissen Sie nicht! Ein Kleinkind, das mit einem Rasiermesser spielt. – Und wenn Sie es nicht begriffen haben: Das Kleinkind sind die Menschen, das Messer ist der Mythos. Glauben Sie mir. Ich weiß, wovon ich spreche. Es ist kein Spiel. Ich bin voller Narben.“ Hemmersam schlug sich lautlos an die Brust. „Mit dem anfänglich wohligen Schauer, den der Mythos in uns bewirkt, geht Verklärung einher, hat man ihn erst einmal übertaucht.- An der Unfallstelle, wo der Landeshauptmann seinen Tod gefunden hat, brennen immer noch Kerzen. Sie werden von den Allzeitgetreuen aufgestellt und stehen in Reih und Glied. Es gab eine Zeit, da brannten dort mehr Kerzlein, als Mutbürger existierten, Wutbürger oder wie auch immer. Die Verklärung lebt. Der Mythos lebt. Wenn Sie nicht aufpassen, wird er Sie finden.“ Hemmersams Worte wehten nun leise, fast vorsichtig durch die graue Nebelwand zu Paul herüber.
„Ich hoffe, dass es mich findet.“
„Die Hoffnung stirbt zuerst. – Das macht frei.“
Die beiden Männer lehnten sich in ihren Fauteuils zurück und schwiegen.
Schwadroneur, dachte Paul und musterte Hemmersam von der Seite. Der Alte kam wieder in Schwung. Die Pfeife war kalt. Seine Zähne bissen sich am Mundstück fest. Die Sätze entfernten sich jetzt zaghaft aus ihm, als wollten sie gleich wieder zu ihm zurückkehren, in sein Innerstes, wo sich traumwandlerisch eine ganz andere Welt zusammenfand:
„Wer einmal begriffen hat, dass er sterben und ausgelöscht werden muss, dass nichts, aber schon weniger als nichts überbleibt, wird sich nicht mehr von Versprechungen verführen und nicht vom mythischen Abrakadabra beeindrucken lassen. Er wird ohne Furcht vor Strafe aus dem Jenseits leben. Keine Hoffnung auf Ordnung im Diesseits, keine himmlische Belohnung, kein Paradies, keine Engel. Nur der Dämon des Entweichens und Vergehens. Aber der alte Dorn im Herzen sticht noch immer, eitert und jagt das entzundene Blut durch den Körper: Wir haben den Verstand und die Götter nicht töten können. Das Wegschauen und die Ignoranz, die Bescheidenheit und der Rückzug haben uns nicht geholfen. Wir haben die Götter in neue Kostüme gesteckt, sie bengalisch beleuchtet und der Lächerlichkeit preisgegeben. Wir haben das Verweigern gelernt und haben uns das Fleisch verleidet. Das Fieber ist uns geblieben, das Fiebern nach einer verzauberten Welt, jenseits der Entzauberung.
Die Gläubigen des westlichen Evangeliums der kapitalistischen Freuden hassen ihre Körper fast genau so wie die Nonnen und Mönche in ihren Zellen. Die Ikonen unseres Zeitgeists sind durchtrainierte Modepuppen, die auf den Laufstegen ihre hautüberzogenen Knochen zur Schau tragen. Sie haben die alten Heiligen ersetzt, aber ihre Bestimmung ist dieselbe geblieben. Sie demütigen uns, wecken Neid und Schuldgefühle, die auf den Leinwänden unserer Seele zucken.
Gleichzeitig fordern uns die Gläubigen des westlichen Evangeliums der kapitalistischen Freuden auf, einem Ideal der sportlichen Anmut, strotzenden Gesundheit, charmanten Gedankenlosigkeit und des unterkühlter Kalküls zum Zwecke des geschmeidigen Fortkommens zu frönen. Und sie scheitern. Wie alle zuvor, wie alle Katechismen, die mit der Angst, der Erwartung und der Lebensgier der Seelen spielen, die in den unerreichbaren Fernen irgendeiner Zukunft Erfüllungen verheißen, von denen sie keine Ahnung haben. Sie irrlichtern in unseren Halbträumen und entwesen uns.
Das Wort Entwesung werden Sie nicht kennen. Im Jargon der Kammerjäger bedeutet entwesen ein Gebäude von Ungeziefer befreien. Wir unterliegen einer automatischen Entwesung aller Werte und sind längst von allen guten Geistern verlassen. Nur noch Entweste, die Halbentweste zur Totalentwesung treiben.
Der kapitalistische Katechismus ist genauso sinnlos geworden wie der katholische. Die Prophezeiungen ewiger Glückseligkeit sind zu stumpfen Nadeln geworden, die nicht mehr in der Lage sind, unser Nervensystem zu stimulieren. Sie heilen nichts. Sie lenken bestenfalls mit ihren kleinen Schmerzen von der großen Enttäuschung ab und tragen zur Entwesung bei. Wie galvanisierte Froschschenkel zucken und hampeln die Geschmeidigen noch dahin, bis endgültig alles Lebendige entwichen sein wird.
Kein Schmerz ist tiefer als die Sehnsucht nach den alten Göttern, dem Unerklärbaren, nach den Ahnungen, diesen Neuronen der Fantasie. Das Wundfieber allein lässt die Illusion des seligen Augenblicks erahnen, in dem wir uns aufgelöst sehen. Keiner wird ihn erreichen. Die Not peitscht uns Menschen durchs Leben. Die Dämonen der Unrast nutzen ihre Stunde. Wir sind ihnen ausgeliefert, denn wir haben den Instinkt für das Wesen der Dinge verloren. Eine Nacht der Seele.“
„Hölderlin“, sagte Paul.
„Hölderlin“, wiederholte Hemmersam stimmlos. Wieder hob sich kalte Asche aus dem Pfeifenkopf und senkte sich auf den Revers seines Jägerleinens. Die Augenlider zuckten leicht.
Die Schatten stürmten ins Zimmer und machten sich auf dem Teppich breit. Einer der beiden flatulierte deutlich vernehmbar. Paul griff sich an die Schläfen. Hemmersam sprang aus seiner schwindelerregenden Gedankenspirale:
„Wenn Sie es sich nicht vorstellen können, lesen Sie das Necronomicon! Dort haben Sie die Antworten. Von der anderen Seite, von der Seite der Toten. Die Grenzen werden auch von der anderen Seite aufgeweicht, denn die dort drüben sind ja auch nicht glücklich. Sie wollen her zu uns. Wahrscheinlich haben sie vergessen, wie schrecklich es hier ist. Dämonen sind auch nur Menschen.“
Die grauen Augen des alten Mannes funkelten durch das Halbdunkel des Zimmers. „Alles, was Sie über das Necronomicon wissen müssen, können Sie nachlesen. Dazu brauchen Sie mich nicht. Internet genügt. Ich kann Ihnen nichts erklären. Meinen Zugang würden Sie nicht kapieren. Machen Sie nicht den Fehler, den alle machen, und werden Sie nicht bösartig, wenn Sie nicht verstehen. Strengen Sie sich ruhig an. Wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen. Meiden Sie das Einfache. Es ist für die Genasführten. Es verblödet Sie. Scheuen Sie nicht das Komplizierte. Suchen Sie das Buch der Dämonen in sich selbst. Finden Sie Ihren eigenen Zugang.“
Hemmersam sah an Paul Tinhoff vorbei. Paul wollte ihm nicht mehr folgen und flüchtete sich in die Mäander des Tapetenmusters. Unten ging eine junge Frau mit schwarzem Haar. Ehe sie um die Ecke bog, warf sie einen Blick nach oben. Er streifte das Biedermeierpalais, blieb kurz an der dunkelgrünen Schütt haften, und kehrte heim hinter ihre halb geschlossenen Lider.